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Englands Rendez-vous mit der Vergangenheit

Englands Rendez-vous mit der Vergangenheit

Vor dem Klassiker gegen Deutschland im EM-Achtelfinal wird England, wieder einmal, von der Vergangenheit eingeholt. Die Affiche weckt traumatische Erinnerungen. Doch es gibt eine Ausnahme.

Agentur
sda
vor 3 Monaten in
Fussball

England gegen Deutschland. Es ist das ewige Duell, der Vergleich zwischen dem Mutterland des Fussballs und dem EM-Rekordsieger aus dem fussballverrückten Deutschland. Eine Affiche, die Emotionen weckt und schon viele Geschichten schrieb. 36-mal standen sich die beiden Nationalmannschaften bislang gegenüber. Die Briten führen mit 16:13 Siegen, doch auf der grossen Bühne jubelten meist die Deutschen, so wie in den letzten vier K.o.-Duellen.

Das englische Scheitern in der K.o.-Phase, insbesondere in Penaltyschiessen wie 1990 und 1996 gegen die Deutschen, hat Züge eines Traumas, zu dem wohl auch der englische Boulevard mit seiner bissigen, oft aber auch humorvollen Aufarbeitung beiträgt. Geht es in die entscheidenden Partien, werden all die Erinnerungen an die Fehlschüsse und Fehlschützen regelmässig aus dem Archiv geholt. Während sie sich auf der Insel immer aufs Neue über die flatternden Nerven ihrer Spieler mokieren, spotten sie in Deutschland, das Penaltyschiessen sei erfunden worden, um Engländer zu blamieren.

Southgates Fehlschuss und Pizza-Gag

Als die brisante Achtelfinal-Paarung im laufenden Turnier nach den letzten Gruppenspielen feststand, drückte die Zeitung «Daily Mail» aus, was vielen Engländern durch Köpfe schoss: «Oh nein! Nicht schon wieder die Deutschen!» Natürlich wurden die alten Geschichten auch dieses Mal aufgerollt, und natürlich prasselte vieles auf das Nationalteam ein, das die Schützen am Penaltypunkt tunlichst ausblenden sollten. Auch Gareth Southgate, Englands heutiger Nationaltrainer, ist ein gebranntes Kind. An der EM 1996 hatte er selbst einen Penalty gegen die Deutschen verschossen. Die Engländer schieden dadurch im Halbfinal aus.

Ein Muster des britischen Galgenhumors lieferte Southgate nach seinem Fehlschuss vor 25 Jahren gleich selbst. In einem Werbeclip für eine bekannte Pizza-Kette sitzt der ehemalige Verteidiger von Crystal Palace, Aston Villa und Middlesbrough mit Stuart Pearce und Chris Waddle, zwei Fehlschützen von 1990, in einer Filiale am Tisch. Aus Scham hat er sich einen Papiersack über den Kopf gestülpt, und Pearce und Waddle lassen keine Gelegenheit aus, das Wort «miss» (verschiessen) in ihre Dialoge zu packen. Schliesslich nimmt sich Southgate den Sack vom Kopf, bedankt sich für den Zuspruch und läuft beim Herausgehen gegen einen Pfosten. «Dieses Mal hat er den Pfosten getroffen», schmunzelt Pearce.

Der WM-Final 1966

Nun also die nächste Chance für England - mit Southgate als Coach, im Londoner Wembley-Stadion wie 1996. Tatsächlich gibt es auch eine schöne Erinnerung an den Ort: Das (alte) Wembley war auch Schauplatz des bislang grössten Erfolgs über «The Germans». 1966 gewann England den WM-Final 4:2 nach Verlängerung und holte seinen bis heute einzigen grossen Titel, dank dem berühmten «Wembley-Tor» von Geoff Hurst zum 3:2, das möglicherweise keines war.

Ansonsten endeten die Endrunden für England ausnahmslos bitter und oft mit Dramen, Tränen, Hohn und Spott. Viermal - 1970, 1990, 1996 und 2010 - bedeutete Deutschland Endstation. Ganz besonders jene Niederlagen wecken Revanchegelüste. «Her mit den Deutschen», schrieb der «Telegraph», als der Gegner feststand. «Zeit, die 'Years of Tears' (Jahre der Tränen - die Red.) zu beenden», meinte die Boulevardzeitung «Sun» neben einer Reihe von Wortspielen zum bevorstehenden Rendez-vous mit der Vergangenheit.

Auch Southgate will der Historie ein neues, positives Kapitel hinzufügen: «Diese Mannschaft kann mit diesem Spiel Geschichte schreiben und den Menschen für die Zukunft Erinnerungen an Duelle zwischen Deutschland und England mitgeben, die anders sind als die, mit denen sie in den letzten Tagen überflutet worden sind.»

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