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Ein paarmal laut durchlesen und dann galt es ernst

Ein paarmal laut durchlesen und dann galt es ernst

Rund 30 Jahre ist es her, seit die Geschichten von Selina Chönz und Alois Carigiet vertont wurden – auf Kassetten. Kürzlich erschien das letzte Hörspiel auf CD. Stefan Guler ist die Stimme von Maurus. Er erinnert sich gern an die Aufnahmen.

Simone
Zwinggi
vor 2 Monaten in
Kultur & Musik

Es war ein beinahe perfektes Timing, als Stefan Guler sich kürzlich beim Tudor Verlag in Zürich meldete. «Ich wollte die Hörspielkassetten, in denen ich eine Sprechrolle innehatte, digitalisieren», erzählt der 46-jährige Bündner. «Aber das war so aufwendig, dass ich herauszufinden versuchte, ob es nicht mittlerweile eine CD davon gibt.» Die gibt es, und zwar noch gar nicht lange. Wladek Glowacz antwortete auf Gulers Anfrage. Er freue sich über seine Nachricht, schrieb Glowacz, er habe sich sowieso um eine Kontaktaufnahme bemühen wollen. In seinen alten Unterlagen hätte er aber keine aktuellen Kontaktdaten finden können. Erst im Juni dieses Jahres seien die letzten beiden Hörspiele – «Maurus und Madleina» sowie «Birnbaum, Birke, Berberitze» – der Geschichten von Alois Carigiet auf CD erschienen. «Mit diesen CD-Produktionen werden wir wohl kein grosses Geschäft machen», vermutet Glowacz. «Aber wir wollten alle sechs Geschichten von Selina Chönz und Alois Carigiet digitalisieren.» Bald übrigens sollen die Hörspiele auch bei Spotify und Apple verfügbar sein. Und damit auf dem neusten Stand der modernen Mediennutzung ankommen.

Am Anfang war Schellen-Ursli

Guler blickt gerne auf jene Zeiten zurück, als er erstmals Bühnen- und Mikrofonluft schnuppern konnte. Begonnen habe alles mit Schellen-Ursli, erzählt er. Für die Besetzung eines von Hans Gmür inszenierten Schellen-Ursli-Theaterstücks seien Jugendliche gesucht worden. «Wir wurden in der Schule angefragt», erinnert sich Guler. Und der Schalk in seiner Stimme ist noch immer zu hören, wenn er sagt: «Ich meldete mich gerne. Schliesslich bedeutete das, dass ich ab und zu für die Proben in der Schule fehlen durfte.» Aber natürlich war es nicht nur Schul-, sondern auch Freizeit, die Guler für Schellen-Ursli hergab. Ursprünglich für eine Nebenrolle beworben, erhielt er letztlich die Hauptrolle. «Aber nach über 70 Vorstellungen hätte ich alle Rollen spielen können, ich konnte sie alle auswendig.»

Gulers Auftritte als Schellen-Ursli hinterliessen Eindruck. Nach den Theateraufführungen sei er von Hans Gmür für eine Sprechrolle in zwei Hörspielen angefragt worden: Maurus sollte er seine Stimme geben, in «Zottel, Zick und Zwerg» und in «Maurus und Madleina».

An einem Wochenende Anfang September 1989 war es, als Guler für die Aufnahmen nach Zürich reiste. «Ich erhielt 300 Franken, die Rückerstattung der Bahnspesen sowie einen Mittagsimbiss am Sonntag. Das war eine Menge Geld für mich.» Er solle als Vorbereitung für die Aufnahmen seinen Text mehrmals laut durchlesen, stand in dem Brief von Erna Gmür, Hans Gmürs Ehefrau, den er mit seinem Text erhielt. «Und natürlich musste ich den Text teilweise in richtigen Bündner Dialekt umschreiben», erinnert sich Guler. Mit einem lauten Lachen fügt er an: «Weil es sonst oft so klang, als versuche ein Zürcher Bündnerdeutsch zu schreiben.»

Eine Art Vertrag: Mit einem Brief wurde Stefan Guler über seinen Lohn und die Vorbereitung für die Hörspielaufnahmen informiert.
ARCHIV STEFAN GULER
Drehbuch: Stefan Guler markierte den Text, den er als Maurus sprechen durfte.
ARCHIV STEFAN GULER

Bezüglich der Aufnahmen von «Zottel, Zick und Zwerg» erinnert sich Guler vor allem an zwei Dinge: An die Zusammenarbeit mit Schauspieler Walter Andreas Müller (WAM) und an «s’goldig Chrönli», eine Auszeichnung zur Förderung der Schweizer Jugendkultur. Hans Gmür habe die erste Ausgabe dieses Preises erhalten, der seit damals alljährlich künstlerisch und pädagogisch wertvolle Schweizer Mundartproduktionen auf Tonträgern ehre, so Guler.

Zum Zeitpunkt der Hörspielaufnahmen war Guler 14 Jahre alt, «kurz vor dem Stimmbruch». Nach der obligatorischen Schulzeit machte er eine Elektromechanikerlehre bei der RhB und ein weiterführendes Studium. Das Schauspiel geriet in den Hintergrund. Bis er zum Theaterverein Zizers stiess. «Dort übernahm ich von 2010 bis 2015 ein paar Hauptrollen.» Später wechselte er zum Verein Theater Salaz in Untervaz, wo er heute wohnt. «Wir freuen uns darauf, nach den Sommerferien endlich unsere Proben wieder aufzunehmen», sagt Guler.

Auch die Hörspiele verschwanden nicht aus Gulers Alltag. «Unsere drei Kinder – das jüngste ist 11, das älteste 16 – haben sich die Hörspiele oft angehört und oft gleichzeitig das Buch angeschaut. Sie waren stolz, ihren eigenen Vater zu hören.»

Die Hörspiele zu den Bündner Geschichten von Selina Chönz und Alois Carigiet seien zeitlos, findet Guler. «Sie sind einfach, lustig und mit ein wenig Spannung versetzt. Und die Stimme des Erzählers Hans Gmür ist warm und beruhigend. Das kommt bei den Kindern gut an.» Ob nach all den Jahren eine Neuauflage sinnvoll wäre? «Ich denke nicht. Neue Soundeffekte würden die Hörspiele nicht unbedingt besser machen.» Das Ziel, den Kindern Freude zu bereiten und die Sprachkenntnisse zu verbessern, würden die Hörspiele in ihrer jetzigen Form vollends erfüllen.

Aus der Zusammenarbeit von Selina Chönz (Text) und Alois Carigiet (Illustration) sind drei Bilderbücher entstanden: «Schellen-Ursli», «Flurina und das Wildvöglein», «Der grosse Schnee».Später erschuf Carigiet drei weitere Bücher (Text und Illustration): «Zottel, Zick und Zwerg», «Maurus und Madleina», «Birnbaum, Birke, Berberitze». Hans Gmür war Radiomann und inszenierte unzählige Theaterstücke und Hörspiele. Der Churer verstarb 2004 im Alter von 77 Jahren.

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